Sonnenstrahlen tanzten auf dem steinernen Boden der edlen Kammer und tasteten vorsichtig nach dem Gesicht der Schlafenden. Mit einem Murren drehte sich das schöne Geschöpf zur Seite. Lange blonde Haare fielen in komplizierten Mustern auf das Kopfkissen.
Vogelgezwitscher und das helle Licht störten den Schlaf aber trotzdem so sehr, dass Prinzessin Zelda langsam die Augen öffnete. Noch etwas verschlafen richtete sie sich auf und gähnte herzhaft.
Sie rutschte zur Bettkante und schwang die Füße über den Rand. Mit nackten Füßen und nur mit ihrem mit Spitzen besetzten Nachthemd bekleidet ging sie zum Fenster hinüber und genoss die warme Morgensonne. Ihr Blick fiel auf den gut gepflegten, blumenreichen Schlossgarten, über die Mauer bis hinunter in die Stadt. Dort erwachte gerade der Markt zu neuem Leben, Stände würden mit Waren bestückt und Händler priesen ihre Waren an.
Die frische Luft tief einatmend und die Arme auf die Fensterbank gestützt stand die junge Frau einige Minuten da, bevor sie sich abwandte und zum Ankleidezimmer ging.
Dort erwartete sie bereits eine Zofe, die ihr beim Waschen und Anziehen half. Für heute hatte sich die junge Prinzessin ein rotes Kleid mit feinem Blumenmuster und abgesetzten Ärmeln ausgesucht. Die Zofe half ihr auch, die Haare zu richten und den Schmuck anzulegen und führte sie dann zum Frühstück in den Speisesaal.
Es roch nach frischem Brot und Obst. Außerdem waren Marmelade, Käse und Wurst aufgetischt worden. In einem kleinen Topf wurde eine leichte Suppe warm gehalten und unter einer Glocke warteten frische Pfannkuchen.
Der Prinzessin entfuhr ein leises Magenknurren, was ihr sofort peinlich war und zu rötlichen Wangen verhalf, doch niemand schien es gehört zu haben oder derjenige hatte es aus Höflichkeit überhört.
Ein mit Samt bezogener Sessel wurde zurückgezogen und Zelda nahm darauf Platz. Bedienstete wünschten ihr einen guten Morgen und brachten ihr die Leckereien des Tisches an ihren Platz. Genüsslich nahm die junge Frau ein ausgiebiges Frühstück zu sich.
Sie trank gerade ihren Tee, als ihre Amme Impa eintrat.
"Guten Morgen, Impa", begrüßte sie die ältere Frau.
"Guten Morgen, Prinzessin Zelda", antwortete diese und zog sich einen der Sessel zu Recht. Mit einem Nicken gestattete Zelda ihr, am Frühstück teilzunehmen. Die Amme griff nach Brot und Butter und ließ es sich schmecken.
"Wo ist eigentlich Link?" fragte sie, als sie sich das zweite Brot schmierte.
"Ich vermute, er ist mit Epona unterwegs", meinte Zelda, die ihren Helden heute auch noch nicht gesehen hatte.
"Das macht er doch jeden Morgen", setzte sie hinzu.
Impa nickte. Seit er im Schloss wohnte stand der junge Mann aus den Kokiri-Wäldern jeden Morgen früh auf, sattelte Epona und preschte dann mit ihr über die Steppen Hyrules. Meist schaffte er es, rechtzeitig zum Frühstück wieder zurück zu sein, doch er war auch so manches Mal erst Stunden später heimgekehrt.
In dem Moment ging die Tür auf und der in grün gekleidete junge Mann trat ein. Er lächelte verschmitzt.
"Guten Morgen", begrüßte er die beiden Frauen.
"Guten Morgen", kam es von beiden zurück. Zelda warf ihm einen neugierigen und gleichzeitig mahnenden Blick zu.
Link stampfte zu seinem Sessel, zog ihn zurück und wurde sich des auf ihm ruhenden Blicks der Prinzessin bewusst. Sich verlegen durch die Haare streichend murmelte er eine Entschuldigung und stürzte sich dann auf das Frühstück.
Der Blick der Prinzessin wurde sichtlich finsterer. Impa räusperte sich und warf Link Blick einen bösen Blick zu, als dieser kurz inne hielt und nach den beiden Frauen sah. Peinlich berührt mäßigte er seine Geschwindigkeit und achtete etwas mehr auf seine Manieren. Er war das Benehmen an Hof immer noch nicht gewöhnt.
"Du hättest auch auf mich warten können", meinte Zelda jetzt mit freundlicherer Miene und spielte auf Links Ausritt an.
Überrascht sah er sie an. Frühes Aufstehen war noch nie Zeldas Fall gewesen und sie wusste genau, dass er diese Zeit morgen alleine verbringen wollte. Der Trubel im Schloss war ihm so schon unerträglich und dann kamen noch etliche Feierlichkeiten hinzu, wo er den guten Gastgeber spielen musste. Da brauchte er mal seine Ruhe und daher liebte er seinen morgendlichen Ausflug auf Eponas Rücken.
"Wir können doch heute Nachmittag gemeinsam ausreiten", schlug er vor und schob sich einen Bissen Wurst in den Mund.
"Wie sieht der Terminplan für heute aus, Impa?" wandte sich die Prinzessin an ihre Amme, die sich oft auch um die Termine der jungen Frau kümmerte.
"Heute Nachmittag sollte sich etwas Zeit finden lassen, Prinzessin. Ansonsten müsst Ihr Euch eben Zeit nehmen", gab diese mit einem Zwinkern zurück. Sie gönnte der Prinzessin eine Pause, vor allem eine Pause mit Link.
Zelda bekam das Zwinkern mit und musste unwillkürlich verlegen lächeln. Impa kannte sie so gut, sie wusste einfach immer, was los war. Auch dass sie Links Gegenwart sehr genoss, auch wenn er sich wie ein Rüpel aufführte, war der erfahrenen Frau nicht entgangen. Ein wenig Zeit fern von den königlichen Pflichten würde ihr sicher gut tun und schon hatte sie etwas geplant.
"Ich muss jetzt an die Arbeit, bis später dann." Damit verabschiedete sich die Prinzessin von Hyrule und verließ gefolgt von Impa den Raum. Link blieb zurück und verputzte noch etwas Suppe und Wurst.
Link war bereits im Stall und sattelte Epona, als ein Stallbursche hereinkam und Zeldas Pferd vorbereitete. Zügig putzte er den Wallach und sattelte ihn ebenfalls, dann brachte er das edle Tier in den Schlosshof.
Der junge Held hingegen ließ sich Zeit, schmuste etwas mit seiner Stute und verließ dann mit ihr ebenfalls den Stall.
Es war ein herrlicher Tag. Die Sonne hatte sich seit dem Morgengrauen nicht einmal hinter Wolken versteckt und der Himmel war von einem tiefen Blau.
Zelda hatte sich umgezogen und trug nun einfache Kleidung, die sich zum Ausritt besser eignete, auch wenn Link die Kleidung ziemlich egal war. Er hätte Zelda auch in Lumpen noch bezaubernd gefunden.
Höflich wie es sich gehörte, half er ihr in den Sattel und bemerkte dann eine gut gefühlte Satteltasche hinter ihr.
"Was hast du vor?" fragte er mit gespielter Unsicherheit.
"Das wirst du schon sehen!" war die erschöpfende Antwort der Prinzessin, die ihm ein wundervolles Lächeln entgegen warf.
"Oh ha", machte er und stieg dann in Epona Sattel.
Zelda trieb ihr Pferd an und Link folgte ihr. Sie verließen das Schloss, ritten auf die Stadt zu und schließlich vorsichtig über den Marktplatz. Immer noch herrschte hier Hochbetrieb. Die Leute kauften, quasselten oder schlenderten einfach nur zwischen den bunten Ständen hin und her.
Alle machten bereitwillig Platz, als die beiden Reiter sich ihren Weg durch die Menge suchten.
Einige Minuten später waren Link und Zelda durch das Stadttor. Die Steppe lag weit und grün vor ihnen.
"Wo willst du hin?" fragte Link.
Zelda überlegte einen Moment, welcher Ort wohl der richtige für ihr Vorhaben war, dann sagte sie:
"Zum Hylia-See!"
Schon gab sie ihrem Wallach die Sporen und der Schimmel preschte davon. Link trieb Epona an und die Stute stürmte hinterher. Nach wenigen Sätzen hatte die den Schimmel wieder ein. Sich gegenseitig jagend und lachend und schreiend wie kleine Kinder beim Fangen spielen legten die beiden Reiter die Strecke bis zum Hylia-See zurück.
Der Zaun am Anfang der Schlucht war entfernt worden und gab jedem Reisenden den Zutritt frei.
In der Schlucht verringerten die Pferde ihr Tempo, die beiden Reiter neckten sich weiterhin ausgelassen.
Am Seeufer hielten sie die Pferde an, tätschelten liebvoll deren Hälse und Link, der mit einem Sprung aus dem Sattel abgesessen war, half Zelda und hob sie aus ihrem Sattel.
"Nimmst du die bitte?" fragte sie, auf die Satteltasche deutend.
Wie hätte er dieser Schönheit eine solche Bitte aufschlagen können? Für sie würde er doch alles tun.
"Natürlich", antwortete er knapp, löste die Schnallen am Sattel und nahm die Tasche an sich. Als er sich umdrehte, rannte Zelda schon über die Brücken zur kleinen Insel hinüber.
Link folgte ihr, die Tasche auf der Schulter. Die Pferde blieben am Ufer zurück.
"Leg ab", sagte die Prinzessin, als Link zu ihr unter den alten Baum trat.
Den Befehl befolgend, stellt der junge Mann die Tasche auf den Boden und ließ sich dann ins Gras fallen. Einen Moment blieb er einfach so liegen, dann rollte er sich zur Seite, stützte den Kopf auf den Arme und beobachtete Zelda, die in der Satteltasche kramte.
"Nun?" fragte er ungeduldig, doch die junge Frau war zu beschäftigt.
Neugierig richtete sich Link auf und schaute über die Tasche hinweg, als Zelda ihm einen Teller mit Kuchen entgegen hielt.
"Hmmm, danke", sagte er und nahm sowohl Teller als auch Gabel mit einem breiten Grinsen entgegen.
"Das hättest du auch gleich sagen können, dann hätte ich beim Mittagessen nicht so zugeschlagen", meinte er vergnügt und schob das erste Stück Kuchen in den Mund. Waldbeeren.
Die Prinzessin lächelte nur zurück und machte sich an ihr Stück Kuchen. Impa hatte ihn auf ihre Anweisung hin besorgt und die Satteltasche gepackt. Ein kleines Picknick war ihr als passend für den Ausflug der zwei jungen Leute erschienen.
"Noch eins?" fragte Zelda, die erstaunt auf Links bereits leeren Teller starrte. Was der Kerl futtern konnte, war unglaublich.
"Gerne", kam die prompte Antwort und Link bediente sich selbst. Ruckzuck war auch das zweite Stück hinuntergeschlungen.
Die Prinzessin fing an zu lachen. Link stoppte den nächsten Bissen kurz vor seinem Mund und sah sie verwundert an.
"Was ist denn?" fragte er unschuldig.
"Du futterst so viel in dich hinein wie ein Gorone." Sich vor Lachen den Bauch haltend viel Zelda nach hinten ins Gras.
Der junge Mann wurde rot im Gesicht, starrte erst verlegen sein Stück Kuchen auf der Gabel an und warf dann einen entschuldigenden Blick zur Prinzessin hinüber. Die bekam das gar nicht mehr mit, sondern erholte sich von ihrem Lachkrampf und wischte sich die Tränen aus den Augen.
Verärgert ließ Link die Gabel sinken und stellte den Teller neben sich auf den Boden. Zelda hatte sich wieder aufgerichtet. Sie sah zu ihm herüber. Leichte Wut in seiner Haltung erkennend blickte sie ihn mit gespieltem Mitleid an und zog einen kleinen Schmollmund.
"Ohh", machte sie mit Schmolllippen.
Link merkte, dass sie ihn necken wollte, zupfte etwas Gras und warf es in ihre Richtung.
"Hey!" schrie sie auf und warf eine Hand voll Gras zurück.
Der junge Mann sprang auf und wieder flogen einige Grashalme zur Prinzessin hinüber. Auch diese war sofort auf den Beinen und bewarf ihr Gegenüber, leider ohne Erfolg.
Link lachte auf, Zelda machte einen Schritt auf ihn zu und versuchte einen neuen Angriff. Der Junge wich daraufhin zurück und entkam so der Ladung Gras.
"Na warte", sagte die junge Frau und kam ihm wieder näher. Immer noch lachend wich er wieder aus. Schließlich jagten sich die zwei im neckischen Spielchen über die kleine Insel und bewarfen sich gegenseitig mit Grashalmen.
Nach einigen Minuten hielt Zelda schnaufend an. Sie änderte ihre Taktik. Mit einem Satz sprang sie auf Link zu, schubste ihn mit beiden Armen nach hinten und mit einem Platsch fiel der Junge ins Wasser.
Wasser spuckend und schnaufend kam er an die Wasseroberfläche. Ein breites Lachen auf seinem Gesicht zeigte, dass er ihr diesen Spaß nicht übel nahm, sich bei Gelegenheit aber rächen würde. Zelda stand am Ufer und grinste zu ihm hinab. Dieser Nachmittag tat ihr wirklich gut.
"Komm doch rein, Prinzessin", rief der Schwimmende ihr zu und ließ sich auf der Wasseroberfläche treiben. Lachend lief die junge Frau wieder zu ihrem Rastplatz, während Link in dem klaren Wasser tauchte.
Als er wieder an die Oberfläche kam, rief er:
"Wo bleibst du?"
Erst dann wischte er nasse Strähnen und Wasser aus dem Gesicht und drehte sich nach der Insel um. Zelda war nicht zu sehen. Vielleicht war sie schon in den See gesprungen? Link sah sich um, konnte sie aber nirgends entdecken.
Er schwamm zur Insel zurück, ging an Land und schaute dort nach der Prinzessin. Nichts. Langsam bekam er ein ungutes Gefühl.
"Prinzessin Zelda, wo bist du?" rief er und schaute sich nach allen Seiten um. Es war niemand zu sehen, nur die Pferde standen immer noch ruhig am Seeufer.
"Das ist nicht mehr lustig", murmelte er vor sich hin und drehte eine Runde um den Baum, Dahinter und auch in dessen Krone konnte er Zelda nicht ausmachen. Wieder am Lagerplatz fiel sein Blick auf ein buntes Bündel. Zeldas Kleindung. Sie konnte ja unmöglich nackt irgendwo hier herum rennen und schwimmen würde sie bei dem klaren Wasser aus nicht unbekleidet. Nein, so gerne er sie mal so sehen würde, die Prinzessin war viel zu gut erzogen für so etwas. Selbst bei der ausgelassenen Stimmung, die eben noch geherrscht hatte.
Eine Bewegung aus dem Augenwinkel mitbekommend, drehte sich der junge Mann noch einmal zu den Kleidungsstücken um. Nichts. Er musste sich geirrt haben. Oder doch nicht?
Vorsichtig näherte er sich dem bunten Häufchen.
Da, wieder eine Bewegung. Er fasst das Oberteil der Prinzessin an einem Zipfel an und zog es zur Seite.
Die Kinnlade fiel dem jungen Helden runter. Zwischen den Kleidungsstücken lag ein Baby - ein kleines Mädchen mit blonden Haaren und blauen Augen - und strahlte ihn an. Ihm schwante Böses.
"Das ist jetzt nicht wahr", sagte er verzweifelt zu sich selbst. Er sah sich um, niemand weit und breit. Konnte es tatsächlich sein, dass dieses Baby seine Prinzessin war? Das hier war schließlich Hyrule, es konnte nur noch so sein.
Langsam ließ er sich auf die Knie nieder und betrachtete das kleine, vor sich hinbrabbelnde Geschöpf. Er atmete tief durch.
"Wie konnte das nur geschehen?" fragte er das Kind, erwartete aber keine Antwort.
Vorsichtig hob er die Kleine hoch und betrachtete sie. Das Baby lächelte ihn immer noch an und steckte einen Finger in den Mund. Sie war ja wirklich niedlich, doch dieser Sabber am Mund ...
Sein Blick fiel auf eine Blüte, die zwischen der Kleidung lag. So eine Blume hatte er noch nie gesehen. In Hyrule hatte fast alles magische Kräfte, warum nicht auch diese Blüte? Vielleicht war sie für Zeldas Zustand verantwortlich. Er verstaute sie in seiner Tasche.
"Ich bringe dich am Besten zu Impa. Die kennt sich mit Babys besser aus."
Behutsam wickelte er die kleine Prinzessin in ihr Oberteil und trug das Bündel zurück zum Ufer. Epona schnaubte zur Begrüßung.
Weiterhin vorsichtig saß Link auf, das Baby in einem Arm, die Zügel des Wallachs an der anderen Hand, treib er Epona durch die Schlucht zurück in Richtung Schloss. Diesmal ging es nur langsam voran, er würde eine Weile brauchen.
Von verwunderten Blicken der Bewohner verfolgt, überquerte Link den Marktplatz und ritt zum Schloss hinauf. Im Hof nahm ihm ein Stallbursche die Zügel des Wallachs ab und hielt auch Epona fest.
Vorsichtig saß Link ab, das kleine brabbelnde Bündel immer noch auf dem Arm.
Ohne sich wie sonst um seine Stute zu kümmern, rannte er durch die Korridore des Schlosses und suchte nach Impa. Einige Bedienstete waren über das Baby sehr erstaunt und auch hier folgten dem jungen Mann die Blicke verwunderter Menschen.
Vor Impas Gemächern kam er zum Stehen und klopfte. Auf die Aufforderung von innen trat er ein.
Impa las in einem großen Buch, klappte dieses aber bei Links Ankunft zu und sah auf. Auch sie betrachtete mit verwirrtem Blick das kleine Kind und sah dann Link fragend an.
Dieser trat zu ihr und gab ihr das Baby in den Arm.
"Die Prinzessin ...", brachte er hervor, dann fiel ihm nicht ein, wie er Impa die Sache erklären sollte und zeigte stattdessen auf das vor sich hinlächelnde kleine Mädchen.
Impa sah ihn an, als wollte er sie vergackeiern. Doch der ernste Ausdruck wich nicht aus seinem Gesicht.
"Das meinst du ernst!" stellte sie geschockt fest. "Wie ist das passiert?"
"Ich weiß es nicht genau. Ich war kurz tauchen und als ich aus dem Wasser kam, konnte ich Prinzessin Zelda nicht finden. Ich fand nur das Baby und eine mir unbekannte Blume."
"Eine Blume?" hakte die ältere Frau nach.
"Ja. Warte, ich hab sie dabei", antwortete Link und zog die Blüte aus seinem Lederbeutel. Impa nahm sie vorsichtig entgegen und betrachtete sie von allen Seiten.
"Ich meine, ich hätte schon mal ein Bild davon gesehen", sagte sie und runzelte die Stirn.
"Halt mal!" Damit übergab sie das mittlerweile schlafende Baby wieder an den Jungen und stand auf.
Die Blume zwischen den Fingern drehend trat sie an ein Bücherregal. Langsam ging sie die Reihen der Bücher durch. Sie griff nach einem, begutachtete den Titel und stellte es wieder zurück. Auch das nächste Buch schien nicht das Richtige zu sein. Im dritten blätterte sie eine Weile und schob es dann auch zurück. Schließlich fand sie, was sie suchte, schlug in einem dicken, in Leder gebundenen Buch eine Seite auf und verglich die Abbildung mit dem Original in ihrer Hand.
"Gut, dass du die Blume mitgebracht hast", sagte sie schließlich, drehte sich aber noch nicht um, sondern studierte weiter den Text vor sich. Dann endlich legte sie Blume und Buch auf ihren Tisch und sah den jungen Mann an.
"Sie ist tatsächlich der Grund für Zeldas Zustand. Diese Blume verjüngt. Aber ich denke, ich kann ein Gegenmittel herstellen. Die Zutaten müsste ich da haben, aber ich brauche etwas Zeit und Ruhe."
Damit schob sie Link zur Tür und schließlich samt der schlafenden Prinzessin in seinen Armen auf den Korridor hinaus.
Mit mürrischem Ausdruck betrachtete er das Mädchen und verzog den Mund. Jetzt sollte er also den Babysitter spielen. Er hoffe inständig, dass Impa schnell fertig wurde und die kleine Prinzessin bis dahin schlafen würde.
Den Gefallen tat sie ihm natürlich nicht.
Kaum hatte Link das Baby zu Bett gebracht, ein Körbchen mit Kissen und Decke genügte bei der Größe, und war in dem Schlossgarten zum Bodenschießen gegangen, da schrie die Kleine das halbe Gebäude zusammen.
Mit einem vernehmlichen Seufzen stellte er Bogen und Köcher an die Schlossmauer und trabte zu den Gemächern der Prinzessin.
Eine Bedienstete kam ihm entgegen und drückte ihm Fläschchen und Windeln in die Hand und verschwand eben so schnell, wie sie gekommen war.
"Neee!" entfuhr es dem jungen Mann, der zuerst auf die Dinge in seinen Händen betrachtete und dann den Korridor hinunter starrte, in dem die Frau verschwunden war. Sichtlich genervt stampfte er in das Schlafzimmer der Prinzessin, stellte die Flasche lauwarme Milch ab, legte die Windeln daneben und schaute in das Körbchen, aus dem ein ohrenbetäubendes Geschrei kam.
Kaum sah die Kleine Links Gesicht, verstummte das Geschrei und sie lächelte wieder.
"Geht doch!" sagte der junge Mann und wandte sich zum Gehen. Er hatte die Tür nicht mal erreicht, da ging das Gebrüll hinter ihm wieder los.
"Nicht doch", sagte er und drehte sich wieder um. Am Korb angelangt ließ er sich nieder. Zelda grinste ihn an.
Mit einem Seufzen nahm er die kleine Prinzessin aus dem Korb und brachte sie zum Bett. Dort versuchte er ihr die Windel anzulegen. Nach einigen Versuchen war er mit seiner Arbeit zufrieden, hob das Kind hoch und stellte fest, dass seine Arbeit wohl doch nicht so gut gewesen war. Die Windel rutschte an einer Seite hinab und gab den Popo frei.
"Ach nee!" murrte er vor sich hin, als er einen neuen Versuch unternahm, die Kleine zu wickeln. Schließlich hatte er das Windeltuch fest. Die Art und Weise war etwas unkonventionell, hielt aber.
Mit strahlendem Lächeln starrte ihn die Prinzessin von der Bettdecke aus an. Ein kleiner Finger steckte im Mund.
Jetzt war noch Füttern angesagt.
Er holte die Flasche und hielt sie ihr mit dem Sauger zuerst entgegen. Mit einem Patschhändchen griff sie danach und betastete vor sich hinbrabbelnd Flasche und Sauger.
"So wohl nicht", seufzte Link vor sich hin und setzte sich neben dem Baby auf das Bett. Normalerweise hätte Zelda ihm das nicht gestattet, er wäre auch nicht auf die Idee gekommen, aber diesmal ...
"Hast du überhaupt Hunger", fragte er in Richtung der Kleinen. Sie strampelte mit den Beinen und zog an der Bettdecke.
"Im Moment wohl nicht, was?"
Er stellte die Flasche auf das Nachttischchen und legte das Baby wieder ins Körbchen zurück.
"Jetzt schlaf bitte."
Doch die kleine Prinzessin schien nicht mal daran zu denken. Sie brabbelte munter vor sich her, kleine Sabberbläschen bildeten sich dabei an ihrem Mund.
Jedes Monster mit Schleim und Heullauten war dem Jungen lieber als ein Baby zu hüten. Mit Schwert und Bogen konnte er umgehen, aber damit nicht.
"Komm schon, schlaf ein", flehte er sie an und zog sich einen Stuhl heran. Den Kopf in die Hände gestützt hockte er eine Weile da und betrachtete das kleine, zerbrechliche Geschöpf vor ihm. Dann wurde es der Kleinen wohl zu langweilig, jedenfalls begann sie wieder zu schreien.
Mit einem erneuten Seufzen kniete Link neben ihr nieder.
"Ich bin doch da, hör auf zu weinen", sagte er leise und mit beruhigendem Tonfall. Sie reagierte nicht, sondern sah ihm mit Tränchen in den Augen an und schrie weiter.
"Hey." Zärtlich schubste er die Kleine an, streichelte ihr über das Gesicht. Das Schreien ging in leises Schluchzen über. Link war erleichtert, seine Ohren erholten sich.
Klein Zelda griff nach seinem Finger und klammerte sich daran fest.
"Komm schon, Impa", nörgelte Link herum, als er mit der kleinen Zelda auf dem Arm in den Gemächern der Amme auf und ab ging. Vorsichtig schaukelte er das schlafende Kind in seinen Armen.
"Wie lange brauchst du noch?"
"Hetz mich nicht", gab die ältere Frau zurück und ließ sich in ihrer Arbeit nicht unterbrechen.
"Das ist nicht so einfach."
Unter größter Konzentration füllte sie eine klare Flüssigkeit in ein Glas, in dem bereits einige Kräuter in grünlicher Flüssigkeit schwammen.
Die kleine Prinzessin erwachte und fing sofort an zu schreien. Entnervt hielt Impa inne, wandte sich dem Jungen zu und sagte:
"Kannst du vielleicht irgendwo anders Papa spielen? Ich brauche Ruhe!"
"Schon gut", schoss Link ruppig zurück und verließ, die Kleine immer noch auf dem Arm tragend, den Raum. Wütend stampfte er den Korridor entlang, das schreiende Kind ignorierend und mürrisch vor sich hinmurmelnd:
"Von wegen "Papa spielen"! Als wenn ich mir das ausgesucht hätte!"
Er setzte sich in den Schlossgarten und schaukelte, immer noch in Gedanken bei Impa und seinem Rauswurf, das Baby in seinen Armen. Das Schreien wurde nicht leiser und schließlich gewährte der junge Mann der Prinzessin wieder seine Aufmerksamkeit.
"Wie gut, dass du sonst nicht so herumschreist. Bitte hör auf!"
Flehend sah er in das kleine Gesichtchen.
Das Weinen wurde leiser und erstarb schließlich ganz.
"Puhh!"
Erleichtert lächelte er das Baby an.
Zurück kam ein Lachen, dann spuckte die Kleine ein wenig Sabber.
"Na klasse."
Mit einem Zipfel ihres Hemdchens wischte der junge Mann die Flüssigkeit von der Schnute.
Eine Weile blieb Link noch mit dem Kind im Garten sitzen, dann schlief es ein und er brachte es zu Bett.
Erlöst ging er zu Impas Zimmer. Er klopfte und trat dann ein.
"Sie schläft jetzt", verkündete er zufrieden.
"Gut", nahm Impa seine Info zur Kenntnis und rührte weiterhin hochkonzentriert in einem kleinen Topf.
Link ließ sich leise auf einem Stuhl nieder und hoffte, die Amme nicht zu stören. Die Ruhe hier war himmlisch. Er beobachtete, wie die Frau mit verschiedenen Substanzen herumhantierte und immer wieder einen Blick in eines ihrer Bücher warf. Sie stand mit dem Rücken zu ihm und ignorierte seine Anwesenheit.
Es vergingen einige Minuten, dann drehte sie sich um und hielt ihm mit strahlendem Lächeln triumphierend ein kleines Fläschchen mit dunkelgrünem Inhalt entgegen.
"Fertig", verkündete sie und fügte schnell hinzu, "hoffe ich jedenfalls."
Link stand auf, nahm das Gefäß vorsichtig entgegen und betrachtete die Flüssigkeit darin.
"Das muss sie trinken?" fragte er.
"Genau."
"Du fütterst sie damit."
"Warum? Du hast dich doch so gut gemacht", neckte Impa ihn und nahm das Fläschchen zurück. Dann marschierte sie auf die Tür zu.
Der junge Mann trottete ihr hinterher, während sie zu Zeldas Gemächern gingen.
Die kleine Prinzessin schlief noch. Impa hob sie aus dem Körbchen und weckte sie samt. Verschlafen gähnte das Mädchen. Hier war eine Amme am Werk, kein grober Krieger.
Sie setzte sich samt Kind auf die Bettkante und öffnete die kleine Flasche.
"So, und nun schön austrinken, mein Schatz", sagte sie freundlich zu der Kleinen, setzte das Fläschchen an deren Lippen.
Zelda trank. Link beobachtete die Prinzessin genau, wartete auf die kleinste Reaktion. Nichts.
Das Fläschchen mit dem Gegenmittel war leer. Zelda hatte alles getrunken und Impa hob sie nun an ihre Schulter, auf dass sie Bäuerchen mache.
Immer noch nichts.
Der junge Mann trat von einem Fuß auf den anderen. Es zeigte sich keine Wirkung.
"Was ist nun?" fragte er ungeduldig.
Impa warf ihm einen bösen Blick zu.
"Hab doch einmal ein bisschen Geduld", ermahnte sie ihn.
"Grmmm!"
Link setzte sich auf einen Stuhl ihr gegenüber und spielte mit den Fingern. Wieder begutachtete er das Baby auf Impas Arm. Nichts.
Er begann mit den Fingern zu knacken. Wieder erntete er einen Blick der Amme und unterließ das Knacken.
"Aha!" machte Impa.
Der Junge sah erst zu ihr, dann auf die kleine Prinzessin. Irgendetwas ging vor sich. Impa zog dem Baby das Hemdchen aus und legte die Kleine auf das Bett.
"Gehst du bitte raus?" forderte sie Link auf, der versuchte über ihre Schulter zu spähen. Link warf ihr einen verständnislosen Blick zu, bis ihm aufging, dass die Prinzessin nackt sein würde. Mit einem Grinsen auf dem Gesicht verließ er den Raum.
Er lehnte sich an die Wand neben der Tür und wartete.
Es dauerte eine Weile, dann kam Impa heraus. Er sah sie fragend an.
"Es geht ihr gut", sagte sie. "Das Mittel hat gewirkt, aber sie wird nun eine Weile schlafen.
Link nickte nur.
"Geh auch schlafen", schlug die Amme vor. Der junge Mann war sichtlich müde. Doch im selben Moment wusste sie, er würde hier warten.
Link erwachte auf dem Fußboden neben der Tür zu Zeldas Gemächern. Die Sonne fiel durch ein nahes Fenster und hatte ihn geweckt. Herzhaft gähnend streckte er sich. Der Nacken war verkrampft und der Rücken tat ihm weh. So bequem war der Boden eben nicht gewesen.
Die Tür ging auf und er ordnete hastig Haare und Kleidung.
Dann trat sie heraus. Seine Prinzessin Zelda, wie er sie kannte und liebte. Sie lächelte.